Aha

Es war Freitagnachmittag. Die Woche war um. Ich hatte meinen Kleinen von der Krippe abgeholt und wir saßen am Küchentisch. Er zog die Blumenvase zu sich, guckte mich fragend an.

„Darf ich anfassen?“

Ich nickte.

Und dann, mein wunderbarer kleiner Yogi, begann er, als hätte er gerade nen Achtsamkeitskurs belegt, sich die Blume anzusehen. Mit den Augen, mit den Fingern, mit der Nase. Er strich über den Stiel und sagte „aha, weich“. Er sagte „grün“ und zog ein einzelnes Blatt aus der Vase. Er fasste mit dem Finger ins Blumenwasser und malte einen Kreis auf den Tisch. Er war vollkommen versunken in die Betrachtung der Blume und dem Erfahren.

Und ich bin noch immer beeindruckt. Und erkenne, was wir alle in uns haben, aber verlernen. Und leider auch unseren Kindern manchmal aberziehen.

Achtsamkeit, dieses Wort, weil so omnipräsend, manchmal echt schon anstrengend, ist in der Essenz aber doch unser aller Wunsch. Die Welt dreht sich schneller und schneller. Und mit Kindern, Job, Partnerschaft, dauernder Erreichbarkeit, dauernder Infomationsbeduselung ist es schwer und schwerer innezuhalten. Menschen gehen zum Yoga, zum Sport, buchen Seminare, um Abschalten zu lernen. Dabei sitzen unsere größten Lehrmeister an unserem Küchentisch. Sie können sich versenken in den Anblick eines Blumenstiels, zerlegen minutenlang eine Taschentuchpackung und wenn Du ihnen einen Stapel Post-Its gibst, sind sie bestimmt 20 Minuten beschäftigt.

Die Übung, die Meditation des heutigen Tages, ist ein kleines Experiment. Wo auch immer ihr gerade seid und dies lest, haltet inne. Und als sei Euer Gemütszustand die Blume, die mein Sohn so eingehend betrachtet hat: schaut, betrachtet Euch. Wie sich Euer Rücken anfühlt, Eure Finger, was in Eurem Kopf los ist. Aha hilft dabei. Aha zu benutzen, um einfach nur zu schauen und nicht gleich wieder zu bewerten. Zum Beispiel so: Aha, ich spüre, meine Finger berühren die Couch. Aha, in meinem Kopf sind gerade tausend kleine Gedanken, die einander jagen. Aha, ich atme nicht wirklich entspannt. Macht eine Inventur. Und bei einer Inventur wird nicht bewertet. Es wird festgestellt.

Was bringt es?? Ihr haltet an. Indem ihr aus Eurem Alltag heraustretet mit dieser Übung, unterbrecht ihr Gedankenkarusselle. Ihr bemerkt, wenn ihr Euch festgefahren habt. Ihr bemerkt, wenn ihr nicht lang und tief, sondern nur oberflächlich atmet und könnt das ändern. Vielleicht bemerkt ihr das erste Mal an diesem Tag, wie es Euch geht. Manchmal können/dürfen schlechte Gefühle und Gedanken einfach verschwinden, wenn man ihnen mal zugehört hat, anstatt immer nur zu versuchen, sie wegzuschieben. Oder aber wir erkennen, wie gut es uns geht, weil unser Körper sich gut anfühlt, wir gerade einen Moment Zeit haben. Und können das Glück der Dankbarkeit feiern.

Nach der Bestandaufnahme versuch ganz bewusst, ein paar tiefe Atemzüge zu nehmen. So tief, dass bei jedem Einatmen Dein Bauch ganz groß wird und beim Ausatmen die Bauchdecke sanft zurücksinkt. Bedank Dich bei Dir selbst. Dass Du Dir Zeit für Dich genommen hast.

Die ganze Übung dauert vielleicht eine Minute aber sie lässt einen Durchatmen. Nicht nur den Körper, auch die Seele. Gönn Dir diese Minute. Sei es Dir wert.

The only person you are destined to become is the person you decide to be.
Ralph Waldo Emerson

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